Von Andreas Warneke

Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.“ – Arthur Schoppenhauer

Unsere menschliche Realität der Lebenswelt ist je kulturell-gesellschaftlich, ergo sozial geprägt und in diesem Sinne maßgeblich auch sprachlich verfasst. Gesellschaftlich gehaltene Vorstellungen und Praktiken konstruieren die (entspr. immer) sozialen Dinge unserer Welt. Mol (2003) schreibt in ihrer Krankenhausstudie The body multiple: Ontology in medical practice beispielsweise darüber, wie Patient:Innen und ihre Krankheiten im Krankenhaus durch ein Geflecht von Menschen, versch. Praktiken sowie technischen Geräten in jedem Moment neu ko-konstruiert und ,getan‘ werden. Wir können die Dinge der (Lebens-)Welt, d. h. die Realität dabei immer nur vermittelst unserer menschlichen Perspektiven, ergo sozial geprägt und kulturell, individuell sowie zeitlich kontingent erfassen, da diese gleichzeitig maßgeblicher Bestandteil ihres Wirklichkeitsgehaltes sind. Das ,Ding an sich‘ (Kant, 1781) bleibt auch durch das Benutzen zahreicher angeblich neutraler, da vermeintlich standpunktloser wissenschaftlicher Methoden und Instrumentarien für uns uneinholbar, da mensch bei diesem Unterfangen sowohl die Methoden, Instrumente und Gerätschaften als auch die derart sozial ko-konstruierten Ergebnisse dieser Methoden selbst erst hervorbringt, stets mit einer sozial-semantischen Textur überzogen. Die ganze Rede von einem Ding an sich ist überhaupt hinfällig, wenn man Ontologie derart dynamisch und sozial-multipel denkt, wie Mols Praxiologie es vorsieht.

Solange es Betrachter:Innen gibt, gibt es also Realitäten, die notwendig instantan und kontingent in einer und durch die Praxis einer Situation konstituiert werden. Wer als dermaßen realitätskonstituierende Betrachter:Innen in Frage kommen, ist eine sehr interessante Frage: Welche Rolle spielen Semantik und Sinn in diesem Prozess? Bzw. ist das vom Menschen (aus seinem im menschlichen Gehirn entstandenen, neurogebiasten Blick) als phänomenal, statt wie beim Menschen intentional angenommene Bewusstsein von nicht-menschlichen Tieren dazu fähig, gleichermaßen komplexe semantische Texturen auf die von den Sinnesorganen erfahrene, also beispielsweise gesehene, gerochene, ertastete Welt zu projizieren und so eine ähnlich dichte Realität hervorzubringen? Oder hat ihre Welt nurmehr vollzogenen Charakter und somit ,weniger Realitätsgehalt‘, da die Praktiken und Sinneseindrücke ohne eine zusätzliche Schicht Bedeutung zur Lebenswelt werden?
Die Lebenswelten von nicht-menschlichen Tieren sind aus einem anderen Grund als der Differenz in Bedeutung verschieden von den ,semantisch hochprozentigen‘ Realitäten der Menschen. Uexküll (1909) führt statt der Lebenswelt den Begriff der subjektiven Umwelt für die spezies-spezifischen, spatio-temporal eigenen Realitäten nicht-menschlicher und menschlicher Tiere ein. Nicht-menschliche Tiere sind biologisch mit einem teilweise sehr anders entwickelten biologischen Sensorium ihrer Sinneswahrnehmung und entspr. mit einem ganz anderen Repertoire an Sinneseindrücken ausgestattet, die für den Menschen und seine Sinnesorgane oftmals nicht, oder nur vermittelt wahrnehmbar sind. Dieses Sensorium samt seiner Eindrücke verdankt sich der Anpassung an die und somit der Entstehung aus der Umgebung des Tieres, die so das unterschiedliche ,Baumaterial‘ als auch den Rahmen und die Grenze der unterschiedlichen Realitäten verschiedener Spezies liefert. „In der Welt des Regenwurmes gibt es nur Regenwurmdinge, in der Welt der Libelle gibt es nur Libellendinge“, soUexküll (1909, S.45).

Zwischen allen Spezies spannt sich also ein perspektivisch-multiples Universum an Realitäten auf, die notwendig Unterschiede im Sinne von Qualia (Pierce, 1866) aufweisen.
Lebensrealität ist eine, die Lebewesen im Leben generieren, und die so bisher notwendig embodied in einem biologischen Leib ihr existentielles, ontologisches Fundament sowie die Anlagen für ihre gefühlten Ausprägungen und Qualitäten findet.
Als eine Art Tangentialpunkt aller dieser gelebten und entspr. gefühlten Realitäten könnte man das phänomenale Bewusstsein des Am-Leben-Seines von Wesen auffassen. Nicht-menschliche sentient animals leben mit ihren Hirnen, die wahrscheinlich nicht andauernd geistige Abstrakta wie Sinn, Gedanken, Ideen, Vergangenheit und Zukunft produzieren, überwiegend im Moment, mit einem diesem Leben als biologischer Organismus notwendig inhärenten und von rationalen Gedanken nicht verdecktem Grundgefühl, dass sie leben. Dieses Gefühl zu leben geht als ,Grundrauschen‘ mit jeder weiteren Empfindung im Leben eines jeden Lebewesens einher. Um es als Mensch wieder etwas unverstellter zu spüren und sich gefühlt der Perspektive und damit der Realität nicht-menschlicher Lebewesen anzunähern, können Techniken wie Achtsamkeit und Meditation dienen, in denen den aufkommenden, konkreten Gedanken, Bewertungen und Bedeutungen eine nachrangige Aufmerksamkeit gegenüber dem bloßen Empfinden, dass man Gedanken hat, geschenkt wird bis hin zum gedankenfreien, bloßen Wahrnehmen.
In diesem (nicht rein idealtypischen) Moment der maximal möglichen Differenz-Minimierung konvergieren die multiplen Realitäten der Welt, zumindest die aller in diesem Moment Meditierenden und aller anderen nicht-menschlichen Lebewesen für einen Augenblick.

War die gefühlte Kombination von Leib und Seele (,Seele‘ im Sinne von eher rationalem, sinnproduzierendem Verstand sowie der ebenfalls realitätskonstituierenden Gefühls- und Empfindungswelt, die neurobiologisch Leib und Seele der Lebewesen verbindet) dieser Position nach bisher die Grundlage für die Menge und (gefühlte/erlebte) Art aller existenten Realitäten, dürfen wir gespannt sein, was die erste echte, also sich genährt von Input aus sich selbst heraus als sich ihrer selbst bewusst entwickelnde, künstliche Intelligenz dem Multiversum unserer Realität für Facetten beizutragen hat…

Literatur:

Kant, I. (1781). Kritik der reinen Vernunft. Königsberg: Johann Friedrich Hartknoch.

Mol, A. (2003). The Body Multiple: Ontology in Medical Practice. Durham: Duke University Press.

Pierce, Charles S. (1866). Collected Papers. Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge

Uexküll, J. J. v. (1909). Umwelt und Innenwelt der Tiere. Berlin: J. Springer.